Zum Artikel „Clickertraining, ein Allheilmittel?" von Dr. Gabriele Niepel in DER HUND 12/99

Es ist schon erstaunlich und beinahe amüsant, wie sehr das Clickertraining polarisiert und welch starke Reaktionen in die eine oder andere Richtung es hervorruft. Wenn man den Artikel von Frau Dr. Niepel liest, könnte man meinen, der Untergang des Abendlandes stünde unmittelbar bevor - nicht wegen des Jahr-2000-Problems, sondern weil wir demnächst von einer Schwemme schlecht erzogener oder gar gefährlicher Hunde hinweggefegt werden. Ja, der hundehaltende Teil der Menschheit scheint schon fast invalide zu sein. Und das alles nur wegen dieses kleinen, harmlos aussehenden Knackfrosches! Doch während die einen komplizierte theoretische Debatten führen, um zu beweisen, daß Clickertraining nicht wirklich funktionieren kann, kümmern sich die anderen einfach nicht darum. Sie clickern stillvergnügt mit ihren Hunden vor sich hin und erzielen in der überwiegenden Mehrzahl die schönsten Erfolge. Da entdeckt eine gehbehinderte Frau, daß ihr 5 Jahre alter Rauhhaardackel durchaus das Zeug zum Behindertenbegleithund hat. Ein Mann schafft es, seinen Beagle vom Hasen abzurufen. Ein Hund, der bisher trotz Discs usw. nicht vom Unrat fressen abzubringen war, gibt diese scheußliche Angewohnheit sang- und klanglos auf, seit seine Besitzerin bei jedem Spaziergang ein paar Clickerübungen durchführt. Ein Vorreiter des Clickertraining (Martin Pietralla) „reformiert" Tierheimhunde, die seit Jahren nicht mehr aus dem Zwinger gekommen sind, weil sie sich von niemandem anfassen ließen und als gemeingefährlich galten. Dagegen scheinen die zahlreichen Hundehalter, die bestimmte Übungen (z.B. apportieren bei Nicht-Apportierern, anhaltender Blickkontakt beim bei Fuß gehen, sicheres einfädeln in den Slalom) nach Jahren ergebnislosen Trainings mit anderen Methoden per Clicker innerhalb von kürzester Zeit hinbekommen oder die ihren Hunden die kompliziertesten Tricks mal so nebenbei beibringen, schon fast belanglos.

Eigentlich reichen die Erfolge des Clickertrainings aus, es braucht kaum mehr, um die Gegenargumente ad absurdum zu führen. Doch in dem Artikel werden zahlreiche falsche Behauptungen über Clickertraining und Ausbildung allgemein aufgestellt, auf die ich doch eingehen möchte, da sie sich so hartnäckig in vielen Köpfen halten.

Folgende Aussagen werden direkt oder indirekt gemacht:

1. „Damit der Hund auch in Situationen mit konkurrierender Motivation (z.B. beim Anblick von Wild) zuverlässig gehorcht, muß auf negative Verstärkung zurückgegriffen werden. Allein durch Methoden der positiven Verstärkung ist so etwas nicht zu erreichen."
Falsch! Es ist durchaus möglich, allerdings zugegebenermaßen die Krone der Ausbildung und keine schnelle Patentlösung für jedermann. Man darf sich das mit der konkurrierenden Motivation nur nicht so vorstellen wie Klein-Frizchen: ich hier mit der Wurst, dort der Hase und Hasso dazwischen. So geht es natürlich nicht. Es wird auch keineswegs von Clickertrainern behauptet, daß „die durch den Clicker signalisierte Belohnungsform immer in der Motivationshierarchie über allen anderen Gelüsten des Hundes steht." Ganz im Gegenteil ist unter Clickerern bekannt, daß es durchaus passieren kann, daß der Hund, den man mit einem Click dafür verstärkt, daß er beim Anblick eines Rehes „Platz" macht, nach dem Click lieber die Rehhetze als Belohnung wählt, statt sich das Leckerchen abzuholen. (In Bezug auf die Verbesserung des „Platz" in ähnlichen Situationen würde das übrigens nicht mal etwas ausmachen, allerdings sollte man vorsichtig damit sein, wenn eine Straße in der Nähe ist.)
Der erfolgreiche Umgang mit konkurrierender Motivation beruht auf sorgfältigem und systematischem Training, der Macht der Gewohnheit und dem Prinzip der kleinen Schritte. Im Unterschied zu anderen Methoden, bei denen man den Hund immer wieder in Situationen bringt, die ihn überfordern, um ihn dann zu korrigieren, baut Clickertraining nicht auf dem Versagen des Hundes, sondern dem Gelingen der Übung auf. Man beginnt bei einer relativ schwachen konkurrierenden Motivation und baut je nach Fortschritt des Hundes immer stärkere Ablenkungen ein, bis es nach und nach unter beinahe allen Umständen klappt. Den praktischen Beweis dafür, das das geht, liefern nicht nur die Clickerer, die ihre Hund auf diese Weise vom Wildhetzen abgebracht haben, sondern auch die Hunde, die über Clickertraining lernen, Heißwürstchen zu apportieren - für einen Click und ein normales Leckerchen!
2. „Wenn der Hund trotz Ausbildung auf dem Hundeplatz im Alltag schlecht gehorcht, dann liegt das nicht daran, daß in der betreffenden Alltagssituation zu wenig geübt wurde, sondern daran, daß der Hundeführer seinem Hund gegenüber nicht genug der Boß ist."
Falsch! Tatsächlich ist Gehorsam unter fast allen Umständen vor allen Dingen ein Trainingsproblem. Hunde sind sehr schlecht im Verallgemeinern von Gelerntem. Man kann einem Hund in wenigen Minuten „Platz" im Wohnzimmer beibringen. Dann kann er es im Wohnzimmer, aber unter Umständen noch nirgendwo sonst. Damit er es im Biergarten, in der Stadt und auf der Hundewiese ebenso gut macht, ist viel an Ablenkungstraining in verschiedenen Umgebungen nötig. Das dauert meist mehrere Monate und kann nicht durch wenige Stadtgänge in einem Hundekursus mal eben schnell nebenbei erreicht werden. Das alles hat nichts mit der Rangordnung zu tun und es muß hier einmal klipp und klar gesagt werden, daß niemand sich als Versager fühlen muß, nur weil sein Hund trotz aller Rangordnungsprogramme und Alphawürfe noch immer Kaninchen jagt. Die Erwartung zu wecken, der Gehorsam im Ernstfall würde auch ohne entsprechendes Üben in vielen verschiedenen Alltagssituationen automatisch kommen, nur weil der Hund im Rang gut eingeordnet ist, scheint mir mindestens so überzogen und irreführend wie gewisse mit dem Clickertraining verbundene übertriebene Behauptungen. Aber vielleicht ist Clickertraining ja auch gerade deswegen so wirkungsvoll, weil es die Rangordnung auf besonders effektive Weise klärt? Der Mensch bestimmt beim Clickertraining die Spielregeln. Der Hund kriegt nur dann das, was er will, wenn er zuvor tut, was der Mensch von ihm verlangt. Ja mehr noch: er muß auch noch durch eigene Anstrengung herausfinden, was der Mensch eigentlich von ihm will. Ganz schön hart!
3. „Daraus, daß es in einem Hunderudel körperliche Auseinandersetzungen gibt, kann man schließen, daß körperliche Zurechtweisungen durch den Menschen artgerechte und geeignete, ja sogar unverzichtbare Erziehungsmethoden sind."
Falsch oder zumindest nur sehr eingeschränkt gültig. Erstens zeigen häufige körperliche Auseinandersetzungen in einem Rudel, daß die Rangordnung nicht befriedigend geklärt ist. Es ist also „dominanter", gar nicht erst oder kaum auf solche Mittel zurückgreifen zu müssen. Zweitens ist es durchaus unerwünscht, daß der Hund den Eindruck bekommt, es sei normal, im Umgang mit Menschen „Meinungsverschiedenheiten" auf der körperlichen Ebene auszutragen. Ist wirklich jedes Familienmitglied in der Lage, einen Ringkampf mit dem Neufundländer der Familie zu gewinnen? Soll es in Ordnung sein, daß ein Hund sich den schwächeren Menschen gegenüber als der Boß fühlt, weil die sich ihm gegenüber ja nicht körperlich durchsetzen können? Drittens sind Hunde von Wölfen sehr verschieden. Und die Hunderassen und einzelnen Tiere unterscheiden sich auch wieder erheblich voneinander. Es könnte sein, daß Ihr Hund die von Ihnen nachgeahmten Hundegesten gar nicht mehr instinktiv versteht. Jedoch „weiß" er vielleicht noch instinktiv, wie man zurückbeißt. Viertens ist es kaum möglich, sich der gleichen Körpersprache zu bedienen wie ein Wolf oder Hund. Es fehlt uns Menschen an langen Schnauzen, großen Zähnen, Stehohren, Ruten, Haaren auf dem Rücken, Schnelligkeit u.v.a.m. Die Gefahr von Mißverständnissen ist groß. Und unsere Gesellschaft erlaubt es uns auch nicht, an den Ecken das Bein zu heben wie ein richtiger Alpha. Es ist daher weitaus besser, andere Erziehungsmaßnahmen anzuwenden, statt sich selber möglichst genau wie ein Hund benehmen zu wollen. Doch selbst daraus, daß man bestimmte Dominanzgesten in bestimmten Situationen erfolgreich nachahmen und anwenden kann, läßt sich noch längst nicht ableiten, daß es das richtige Mittel ist, die Ausführung eines Kommandos durchzusetzen. Denn dies ist etwas ganz anderes, als wenn die Mutterhündin einen Welpen, der ihre Zitzen malträtiert oder an ihren Kauknochen will, mit einem Schnauzgriff zurechtweist. Hunde oder Wölfe geben sich untereinander keine Kommandos. Der Alpha hat Vorrechte, die er ggf. hart durchsetzt, und er läßt sich keine Übergriffe der „Untergebenen" gefallen, aber deswegen hat er noch lange keine Befehlsgewalt über die anderen. Er kann keinen anderen Wolf durch ein kurzes Kläffen oder ein Zeichen mit der Pfote zum „Platz" oder „bei Fuß gehen" bringen. Und er kann seinem Rudel auch nicht die Verfolgung eines Rehes verbieten. Was sollte er denn auch machen? Den jungen Wolf, der voreilig losgeprescht ist und die Jagd für diesmal verdorben hat, streng zur Ordnung rufen? Oder beschließen, diesem Burschen jetzt aber mal endlich das „Down" beizubringen? Nichts dergleichen. Der Alpha wird seufzend aus der Deckung treten und resigniert dem jungen Wolf nachgucken, der sich hinter dem Reh vergeblich die Seele aus dem Leib rennt. Dann wird er daran gehen, die nächste Jagd zu „organisieren". Alles, was passiert, wenn man den „Befehlen" des Alten nicht folgt ist, daß man nichts zu essen bekommt. Ganz genauso wie beim Clickertraining.
4. „Hunderziehung ist immer zweiphasig. Sie besteht aus dem Lehren, das am besten ausschließlich durch positive Verstärkung erfolgt, und aus dem Abverlangen des Gelernten, bei dem ein gewisser Zwang und negative Verstärkung durchaus richtig sind."
Falsch. Diese Zweiphasigkeit existiert nur im Kopf des Menschen, nicht in der Realität des Hundes. Ich bin sicher, für ihn gibt es keinen solchen Bruch: „Bis gestern war ich noch Schüler und wußte es nicht besser, wenn ich mal nicht gehorcht habe, ab heute habe ich ausgelernt und wenn ich nicht gehorche, dann ist das ein absichtliches Aufbegehren, ein Machtkampf mit meinem Chef." Man sollte sich auch als Mensch lieber gar nicht darauf einlassen, eine solche Grenze definieren zu wollen. Viel zu zahlreich sind die Einflüsse auf den Hund, die man als Mensch oft gar nicht bemerkt und in ihrer Wirkung auf den Hund nicht einschätzen kann. Je mehr Erfahrung man mit Clickertraining hat, desto deutlicher erkennt man außerdem, daß der Hund nicht etwa nicht will, sondern nicht kann, wenn etwas schief läuft. Wie das? Nun, der Hund darf beim Clickertraining Fehler machen. Man läßt sie zu und trainiert „durch das Problem hindurch", bis der Hund sich wieder gefangen hat und die Übung (wieder) richtig hinbekommt. Je öfter sich das wiederholt, desto klarer erkennt man, daß vorübergehende Rückschritte, Verwechslungen von Kommandos, Einbrüche in der Leistung durch Streß usw. ganz normale Bestandteile eines jeden Lernprozesses sind. Sie gehen vorüber wie ein Regenschauer, wenn man einfach weiter bei der positiven Verstärkung bleibt. Ja man freut sich später sogar nachgerade über solche kleinen „Krisen", weil die Erfahrung lehrt, daß der Hund hinterher in der Ausführung der Übung und in dem Verständnis dessen, was dabei von ihm verlangt wird, wesentlich gefestigt sein wird. Und das umso mehr, je selbständiger er sich durch das Problem hindurch gearbeitet hat. Die Hintergrundtheorie des Clickertraining sagt sogar ziemlich genau voraus, an welchen Stellen des Trainingsprozesses es zu (vorübergehenden) Verschlechterungen kommt, nämlich z.B. wenn man erstmals in einer neuen Situation übt, ein neues Hörzeichen einführt, die Belohnungen verringert, eine Übung schwieriger macht oder sonstwie abändert usw. Es ist wohl unwahrscheinlich, daß Dominanzprobleme mit solcher Regelmäßigkeit auftauchen und verschwinden. Außerdem merkt man, daß solche „Krisen" durchaus nicht nur auftreten, wenn der Hund konkurrierender Motivation ausgesetzt ist, sondern auch und gerade dann, wenn er voller Eifer dabei ist und sich schier „umbringt", um sich seine Clicks und Leckerchen zu verdienen. Wir arbeiten also mit einem hoch motivierten Hund, der eindeutig tun will, was wir von ihm verlangen. Und trotzdem macht er Fehler. Es kann also keine Widerborstigkeit und Aufmüpfigkeit sein, sondern muß andere Gründe haben. Macht der Hund dann dieselben Fehler in Situationen, in denen er stark abgelenkt ist, wird man unweigerlich nachdenklich und zurückhaltend mit Kommentaren wie „Er weiß genau was er soll, aber er will einfach nicht!" Ist der Hund gar in einem Zustand, in dem ich ihn nicht mehr wie gewohnt positiv verstärken kann, da er sich für keines meiner Motivationsobjekte mehr interessiert, habe ich ihn schlichtweg überfordert. Natürlich kann ich dann auf Zwang zurückgreifen, um den Hund in die gewünschte Position zu bringen, aber der Lerneffekt wird relativ gering sein. Reagiert der Hund einmal nicht auf ein ihm bereits bekanntes Kommando, hat der Clickertrainer auch durchaus eine Alternative zum Erzwingen der Ausführung: er geht mit der Übung „zurück in den Kindergarten" und behandelt Übung und Hund vorübergehend so, als könnte der Hund die Übung noch gar nicht (er hält dem Hund z.B. ein paar Mal wieder ein Leckerchen vor die Nase, damit der sich legt). Durch diese Trainingstechnik überwindet man erfahrungsgemäß schlechten Gehorsam in Ablenkungssituationen weitaus schneller und mit nachhaltigerem Erfolg, als wenn man den Hund „korrigiert", also am Halsband herunterzieht o.ä. Zwar wäre es sicher für „normales" Training insgesamt keine Katastrophe, wenn man bei solchen Verwirrungen den Hund (sanft!) korrigieren würde. Doch wir alle wissen, daß auch ein eher sanftes Niederziehen des Hundes diesen ein wenig gedrückt macht. Der Clickertrainer wünscht sich aber einen wirklich unbefangenen, kreativen und vertrauensvollen Hund und verzichtet daher bei der Ausbildung konsequent auf jede Art von körperlicher Korrektur oder psychischem Druck.
5. „Clickertrainer bestrafen ihre Hunde nie und benutzen auch nie Mittel der negativen Verstärkung im Umgang mit dem Hund."
Falsch. Clickertraining als Methode verzichtet tatsächlich völlig auf körperlichen oder psychischen Zwang, Strafe und negative Verstärkung. Das heißt jedoch noch lange nicht, daß das auch jeder Mensch, der mit Clickertraining arbeitet, ebenso tut. Viele Clickertrainer verwenden durchaus Strafe in der Hundeerziehung, denn es gibt im Umgang mit dem Hund manchmal Situationen, in denen eine Strafe einfach das beste Mittel der Wahl ist. Beim Clickertraining handelt es sich ja auch „nur" um eine Ausbildungsmethode, die dazu dient, dem Hund beizubringen, etwas bestimmtes zu tun. „Unterlassungsdressur" ist nicht Sache des Clickertrainings und insofern war es auch nie als „Allheilmittel" für sämtliche Probleme im Umgang mit dem Hund gedacht. Wenn der Clicker sich gelegentlich als überraschend nützlich bei der Bewältigung von Problemverhalten oder beim Abgewöhnen von Unarten erweist, dann auf dem Umweg, daß man dem Hund mit dem Clicker ein Ersatzverhalten beibringt. Statt Strafe fürs Anspringen gibt es z.B. Click & Leckerchen fürs Untenbleiben. Oder wenn der Hund Radfahrer jagt, wird per Clicker trainiert, daß er bei jedem Radfahrer zum Hundeführer kommt und diesen an die Hand stupst. Ein solches antrainiertes Ersatzverhalten ist tatsächlich oft zuverlässiger als Angst vor Strafe. Clickertrainer strafen daher in der Regel viel seltener als Anhänger anderer Trainingsmethoden, einfach weil sie es nicht nötig haben. Sie wissen, daß Strafe eine sehr heikle und durchaus nicht immer erfolgreiche Methode ist. Und sie wissen auch, daß eine Strafe sehr viel wirksamer ist und „sparsamer" verwendet werden kann, wenn zuvor eine gewisse Zeit lang ein Ersatzverhalten trainiert wurde. Erstaunlich oft erübrigt sich die geplante Strafe dann sogar ganz. Noch besser ist natürlich, wenn man vorausschauend genug ist und dem Hund ein Ersatzverhalten antrainieren, noch ehe er sich überhaupt etwas unerwünschtes angewöhnt hat.
6. „Clickertraining ist unter Hundehaltern sehr stark nachgefragt und weit verbreitet. Hundehalter bevorzugen Clickertraining, weil sie glauben, daß man den Hund damit auf ganz bequeme Weise in den Griff bekommt."
Falsch. Meiner Erfahrung nach ist das Gegenteil ist der Fall: clickern ist immer noch etwas sehr exotisches, das mit viel Skepsis und Vorurteilen betrachtet wird. In unserer Hundeschule laufen auch die Grundkurse seit über 2 Jahren mit Clicker. Doch die Hundehalter, die zu uns kommen, weil wir mit Clicker arbeiten oder Problemhundhalter, die gar selbst danach fragen, ob Clickertraining etwas für sie wäre, sind an den Fingern einer Hand abzuzählen. Der Hundehalter, der sich eine schnelle und einfache Lösung seines (meist selbstgemachten) Problems erhofft, fragt in der Hundeschule in aller Regel nicht nach Methoden der positiven Verstärkung, sondern nach Strafmethoden oder der Möglichkeit, den Hund in Fremdausbildung zu geben. Viele Hundeleute haben inzwischen zwar schon mal etwas vom Clicker gehört, aber sie stehen der Sache meist eher skeptisch und ablehnend gegenüber und müssen vom Nutzen des Clickers erst überzeugt werden. Auf den allermeisten Hundeplätzen wird Clickertraining mindestens verlacht, wenn nicht sogar verfolgt, ja manchmal sogar strikt verboten. Der durchschnittliche Hundehalter empfindet Clickertraining zunächst auch nicht etwa als Vereinfachung, sondern durchaus als kompliziert und eher schwieriger als anderes Hundetraining. Er muß zusätzlich zu allem anderen noch dieses alberne kleine Ding in der Hand halten und sieht den Nutzen oft noch nicht so ganz ein. Clickertraining ist auch gar nicht so einfach anzuwenden, wie es auf den ersten Blick erscheint. Nur sind andere Fähigkeiten gefragt als bei anderen Methoden. Clickertraining erfordert weniger körperliche Aktion vom Hundeführer und weniger motorische Schnelligkeit (außer der schnellen Bewegung des Daumens), dafür aber mehr Überlegung, mehr Hintergrundwissen und eine gewisse Flinkheit im Denken. Ob dies wirklich so viel leichter ist, möge jeder selber entscheiden. Wer glaubt, daß es mit ein bißchen aufs Knöpfchen drücken getan ist, wird jedenfalls in der Praxis bald eines besseren belehrt. Und sollte er tatsächlich übertriebene Erwartungen gehabt haben, werden sich diese sehr schnell verflüchtigen.
7. „Clickertraining ist eine technische und gefühlsmäßig kalte Methode und nimmt dem Hund seine Würde, indem es ihn zu einer Marionette, einer "Konditionierungsmaschine" degradiert. Clickertraining entbindet davon, wirklich auf das Lebewesen Hund einzugehen."
Völlig falsch! Das ist mein Lieblingsargument gegen das Clickertraining. Eben hieß es noch, Clickertraining wäre schlecht, weil das so Gelernte nicht zuverlässig genug wäre und - z.B. unter Ablenkungsbedingungen (sogenannter „konkurrierender Motivation") - nie wirklich gute Resultate brächte. Nun ist es auf einmal zu gut und macht aus dem Hund eine perfekt arbeitende Maschine. Was denn nun? Soll Hundetraining funktionieren oder lieber doch nicht? Wohl nicht allzu gut, sonst ist es uns Menschen auch wieder unheimlich...
Aber Scherz beiseite: ich bin sicher, daß jeder aktive Clickertrainer mit absolutem Unverständnis auf solche an den Haaren herbeigezogenen „Argumente" reagiert. Wer selber erlebt hat, wie freudig und begeistert („motiviert") erfahrene Clickerhunde bei der Sache sind, eine wie gute Bindung sie an ihre Trainer haben, wie eng und intensiv die Kommunikation zwischen Trainer und Hund nicht nur während des Clickertrainings selber ist und wie stolz und liebevoll diese über ihre vierbeinigen „Konditionierungsmaschinen" sprechen, dem wird es absolut egal sein, ob das angeblich eine technisch-kalte Methode ist oder nicht. Clickertraining mag unpersönlich wirken, weil man einen Gegenstand benutzt, um sich mit dem Hund zu verständigen, aber das tut man mit Halsband und Leine oder neuerdings Discs und Masterplus ja auch. Das, was Clickertraining darüber hinaus „technisch" erscheinen läßt (nämlich daß es klare Regeln hat, denen man folgen kann und sollte), ist für Hundehalter und Trainer nur von Vorteil. Denn es folgen daraus klare Handlungsanleitungen, die der Ausbilder dem Hundehalter vermitteln und erklären kann und die gerade dem Anfänger viel nützlicher sind als vage Forderungen danach, er müsse nur seine „Beziehung" zum Hund in Ordnung bringen, dann werde schon alles gut. Und wer geht wohl mehr auf das Lebewesen Hund ein - jemand, der Gehorsam erreicht, indem er ihn erzwingt, oder jemand, der Gehorsam erreicht, indem er den Hund so motiviert und trainiert, daß der aus freien Stücken gehorcht?
8. „Clickertraining ist nicht für Anfänger der Hundehaltung geeignet, da sie ein mangelhaftes Timing haben und mit dem Begreifen der zugrundeliegenden Prinzipien überfordert wären."
Falsch. Unsere Anfänger kommen mit dem Clicker durchaus gut zurecht. Natürlich müssen sie das Timing erst lernen, aber Timing ist nun mal in der Hundeausbildung von großer Wichtigkeit, egal welche Methode ich verwende. Man kann es keinem Hundehalter oder Ausbilder ersparen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, wenn er Erfolg haben will. Hundehalter kommen rasch dazu, selber auf Ihr Timing zu achten, wenn sie einen Clicker benutzen, weil Timingfehler ihnen bei dieser Methode sehr schnell selbst bewußt werden. Gleiches gilt für die zugrunde liegenden Prinzipien: jeder Hundehalter sollte die wichtigsten Dinge über „intermittierende Verstärkung" und „Shaping" kennen, beobachten lernen und überlegt handeln. Nur muß ich als Ausbilder nicht unbedingt komplizierte Fachbegriffe verwenden, um meinen Anfängern diese Dinge nahe zu bringen. Man kann das durchaus realitätsnah und in einfachen Worten erklären und in konkrete Anweisungen für Kursteilnehmer umsetzen. Hundehalter sind in der großen Mehrzahl nicht dumm. Natürlich gibt es einzelne, die nie viel mit ihrem Hund erreichen werden, weil sie eben doch zu ungeschickt sind und nie ein ausreichendes Gefühl für Timing entwickeln. Doch kämen die meiner Erfahrung nach mit einer anderen Trainingsmethode auch nicht besser zu Rande.
9. „Der Clicker ist eine Art Krückstock, den der wirklich gute Hundeausbilder gar nicht nötig hat."
Falsch und wirklich spaßig! Zuerst wird von den Kritikern des Clickertrainings zumindest indirekt zugegeben, daß der Clicker hilfreich sein kann, wenn ein Hundehalter mal Schwierigkeiten hat, mit normalen Methoden des Lobes und der positiven Verstärkung klar zu kommen. Man fragt sich doch: Wenn Clickertraining so gut funktioniert, daß auch eher ungeschickte Personen dadurch zumindest gewisse Erfolge mit ihrem Hund haben können, was muß dann erst ein wirklich fähiger Trainer mit einer so wirksamen Methode herausholen können? Man stelle sich vor, ein Hobbyheimwerker mit zwei linken Händen kauft ein sehr gut konstruiertes Werkzeug, das so perfekt in der Hand liegt, daß er damit bessere Ergebnisse erzielt als mit seinem alten, schwerer zu handhabenden Werkzeug. Ist das für den Profi-Handwerker dann ein Grund, dieses gute Werkzeug pauschal abzulehnen und auf jeden herabzusehen, der es benutzt? Würde das besser funktionierende Handwerkszeug nicht auch und gerade ihm große Vorteile bringen? Der Clicker ist ein Werkzeug der Kommunikation, das „Laien" helfen kann, das aber - wie alle anderen Werkzeuge auch - erst in der Hand von „Profis" so richtig gute Resultate bringt.
10. „Das Wort "Fein" o.ä. ist ganz genauso gut wie der Clicker."
Auch falsch. Ich kann das zufällig genau sagen, weil ich mit meinen Hunden anfangs auch „Clickerworte" benutzt habe und erst nach 2 - 3 Monaten auf den echten Clicker umgestiegen bin. Auch beweisen das Kursteilnehmer, die den Clicker partout nicht benutzen wollen und dann in unserer Hundeschule angewiesen werden, den Hund entsprechend mit der Stimme zu loben. Wenn man das Wort wirklich ganz genauso benutzt wie den Clicker (also Clickertraining macht mit allem, was dazu gehört, nur mit einem Wort statt des Clicks,) was sehr viel Selbstdisziplin erfordert, erreicht man vielleicht 80 - 90 % des Wirkungsgrades eines Clickers, aber nicht die vollen 100 %. Allen erfahrenen Clickertrainern, die derselben Ansicht sind wie ich, einfach zu unterstellen, daß sie vorher völlig falsch trainiert und ihren Hund „vollgebrabbelt" haben oder nicht in der Lage sind, konsequent und beherrscht mit ihrer Stimme umzugehen, ist ein billiges „Argument".
11. "Viele Hunde reagieren panisch auf das Clickgeräusch und es ist unsinnig, einen solchen Hund an den Clicker gewöhnen zu wollen".
Falsch. Hunde, die so extrem reagieren wie der erwähnte Collie, sind sehr selten. In unserer Hundeschule sind uns in den letzten 2 Jahren vielleicht 2-3 Hunde begegnet, die wirklich so große Angst vor dem Clickgeräusch hatten, daß die Verwendung eines Clickers nicht angeraten schien. Alle anderen Hunde, die zuerst etwas skeptisch waren, gewöhnten sich schnell an das Geräusch, wenn man es, wie in dem Artikel beschrieben, etwas dämpfte. Die übergroße Mehrheit der Hunde hat von Anfang an gar keine Probleme mit dem Click. Bei näherem Hinsehen stellt sich bei vielen anfangs clickerscheuen Hunden auch heraus, daß es gar nicht so sehr das Geräusch als solches ist, vor dem diese Hunde Angst haben, sondern die Tatsache, daß man einen Gegenstand in der Hand hat. Manchmal ist so eine Reaktion auf vorhergehendes Disc-Training zurückzuführen oder der Hund reagiert auf einen fremden Gegenstand zuerst wie auf das gefürchtete Fläschchen mit den Ohrentropfen o.ä. Andere Hunde sind handscheu und insgesamt extrem ängstlich und haben mehr Angst vor der Hand, die sich ihnen nach dem Click mit dem Leckerchen entgegenreckt, als vor dem neuen Geräusch selber. Sie weichen dann in der Regel auch zurück, wenn man ihnen vorsichtig ein Hundespielzeug zum Schnuppern hinhalten will. Doch egal ob der Hund „nur" scheu ist oder wirklich Angst vor dem Clickgeräusch hat: ein solcher Hund hat ein echtes Problem und dieses Problem ist mit Sicherheit nicht (nur) der Clicker! Desensibilisierungsprogramme sind daher bei so einem Hund auf alle Fälle dringend angeraten. Und was ist so unsinnig daran, dem Besitzer anhand des Clickers zu zeigen, wie ein solches Programm richtig durchgeführt wird?
12. „Wenn man mit seinem Kind kein Clickertraining machen will, sollte man es auch mit seinem Hund nicht tun."
Falsch. Hunde sind keine Kinder und Kinder sind keine Hunde! Direkte Vergleiche zwischen Kinder- und Hundeerziehung sind oft mehr als fragwürdig. Man braucht die von dem Psychologen gestellte Frage nur ein wenig abzuändern („Würden Sie in der Erziehung Ihres Kindes Discs / Masterplus / Leine und Halsband anwenden? Nein? Aber bei Ihrem Hund tun Sie es!?"), schon sieht man, daß der Vergleich mit Kindern kein echtes Argument sein kann. Man kann den Spieß jedoch spaßeshalber auch umdrehen, wie meine Lieblingsandekdote von Karen Pryor zeigt: Eine junge Frau benutzte im Rahmen eines Seminarprojekts über Trainingsmethoden versuchsweise den Clicker, um ihre 3 jährigen Zwillinge dazu zu bewegen, schneller ins Bett zu gehen. Innerhalb von wenigen Tagen war die „Zubettgehzeit" der Kinder von 3 Stunden auf 1 Stunde gesunken und der Erfolg war dauerhaft. Die Zwillinge hatten sogar großen Spaß an diesem „Spiel" gehabt. Als die Großmutter der Kinder einige Zeit später einen Hund anschaffte und bei seiner Erziehung ein paar Probleme hatte, schlug die junge Frau ihr vor, es doch einmal mit Clickertraining zu versuchen. Die zweifelnde Antwort der Großmutter: „Also bei Kindern klappt das ja fabelhaft, aber meinst du wirklich, daß man damit einen Hund erziehen kann!?"