Von Dipl.Ing. Dr. rer.nat.tech. Hellmuth Wachtel, Wien *
In der heutigen Zeit des steigenden Umweltbewusstseins ist eine starke Rückbesinnung
zum Natürlichen zu verzeichnen, daher gibt es viele unter uns, die
alles "Bio" lieben: Nahrungsmittel, Kleidung, Bauen, Wohnen
usw. In der Tierzucht besinnt man sich auf alte, naturverbundene
Haustierrassen, im Pflanzenbau auf die alten Landsorten. Und auch in der
Hundezucht und -haltung gibt es Tendenzen zum Mischling oder zur
Naturzucht, wie man bei Lorenz, Trumler u.a. nachlesen kann.
Aber nicht Mischlinge sind die Lösung, sondern der heterozygote
(genetisch vielseitige) Rassehund. Der Mischling ist kein Ausweg, heute
schon gar nicht. Abgesehen davon, dass man nie weiß, was für ein Hund
sich da entwickelt, weisen Hundeklubs gern darauf hin, dass ja auch
Mischlinge unter denselben Krankheiten leiden, wie hochgezüchtete
Rassehunde.
Nun, das nimmt nicht Wunder, denn wohl werden Mischlinge meist vitaler
sein, aber da sie ja auch nur aus hochgezüchteten, daher oft mit
Erbkrankheiten behafteten Hunden entstehen, wird häufig das eine oder
andere, vor allem polygene Erbleiden nicht mehr durch die Kreuzung
ausreichend dominant überdeckt, also hat dann auch der Mischling dieses
Leiden, besonders, wenn es auch durch Umwelteinflüsse ausgelöst wird,
die ja beim Mischling durch die meist schlechtere Haltung eher
eintreten.
Auch der Mischling ist nicht mehr das, was er war, als die
Basispopulation der Haushunde aus Landschlägen bestand, die eine große
Erbvariabilität aufwiesen.
Was aber ist der "Biohund"?
Etwas, was es (noch) nicht gibt, nämlich den bewusst wieder auf hohe
Heterozygotie (erbliche Variabilität) und damit Vitalität,
Langlebigkeit und Leistung gezüchtete Rassehund!
Genetische Isolierung - die Wurzel des Übels
Es geschah im vorigen Jahrhundert: die Schläge und Varianten der
verschiedenen Gebrauchshunde, die es damals gab, wurden zuerst in
England, dann auch auf dem Kontinent zuchtbuchgemäß erfasst, Standards
erstellt, und es geschah das, was wir Hochzucht nennen: die
verschiedenen Schläge waren nun gegeneinander abgegrenzt und durch
Inzucht, Linienzucht und scharfe Selektion, insbesondere auf den
sogenannten Formwert, soweit vereinheitlicht, dass sie nunmehr als
Rassen bezeichnet werden konnten.
So wurde bald aus jeder Rasse eine isolierte Fortpflanzungsgemeinschaft,
der so wichtige genetische Austausch innerhalb der Spezies
"Haushund" aber weitgehend unterbunden, wenn wir von den
Mischlingen absehen (aus denen gelegentlich auch noch Rassen wurden,
siehe Kromfohrländer, Eurasier, usw.). Dies war eine züchterische
Revolution, der wir heute unsere zahlreichen Rassen und ihre Erhaltung
zu verdanken haben, aber die sich nun auch in mancher Hinsicht als verhängnisvoll
erweist.
Die Hundezucht hat sich ja gegenüber der Nutztierzucht völlig gegensätzlich
entwickelt. Bei Rindern, Schweinen, Geflügel usw. begann es zunächst
ebenso, die sogenannten Landschläge wurden zu Rassen hochstilisiert.
Aber dann setzte eine gegenläufige Entwicklung ein: man erzeugte
Hybriden, indem man zwei oder mehr Inzuchtlinien scharf auf Leistung
(und nur auf diese) selektierte, wobei aber diese dennoch durch die
Inzuchtdepression zurückging. Dann wurde zwischen diesen gekreuzt, und
die Nachzucht erwies sich, weil ja in hohem Grade heterozygot, als
besonders vital und leistungsfähig.
Diese Erscheinung wird "Luxurieren", englisch "hybrid
vigour" genannt, sie ist aber nichts anderes als die normale, natürliche
Vitalität nicht
ingezüchteter Tiere. "Hybriden" haben sich heute daher
besonders in der Schweine- und Geflügelzucht durchgesetzt. Die Ursache
dafür ist, dass diese Kreuzungen ganz extrem heterozygot sind, d.h.
dass an sehr vielen Genarten verschiedenartige Genpaare (Allele)
vorhanden sind. Dadurch ist der Organismus dieser Tiere besonders gut
befähigt, auf Umweltreize biologisch optimal zu reagieren, ob es sich
um die Auswertung der Nahrung, die Widerstandsfähigkeit gegen
Krankheitserreger, Hitze, Kälte, Leistung usw., kurz alle Anforderungen
des Lebens handelt.
Bei den Hunden jedoch stand, anders als bei den Nutztieren für Milch,
Fleisch, Eier usw., abgesehen von den Gebrauchshunderassen (und öfters
auch nicht einmal bei diesen), nicht irgendeine Leistung, sondern eben
das, was als Schönheitsideal betrachtet wird, also der Formwert bzw.
der Standard im Vordergrund. Verständlich, denn einheitlich standardgemässe
Hunde erzielt man am leichtesten durch Inzucht und Selektion auf
Konformität mit dem Standard.
Nun wäre Inzucht u.U. länger durchzuhalten, wenn gleichzeitig scharf
oder sogar ausschließlich auf Gesundheit und Vitalität selektiert
wird, wie es da und dort bei Gebrauchshunden der Fall ist (ein Beispiel
dafür ist der Alaskan Husky, der nur auf die Vitalitätsmerkmale
Schnelligkeit und
Ausdauer gezüchtet wird). Dennoch kommt man auch hier auf die Dauer
ohne "frisches Blut" nicht aus, denn die Anhäufung schädlicher
rezessiver Gene für quantitative Merkmale, die sich gegenseitig
beeinflussen und steigern und so die Vitalität mindern bzw. erst im
Zusammenwirken die meisten Erbkrankheiten (z.B. HD = Hüftgelenkdysplasie)
hervorrufen, kann man so nicht verhindern. Die frühere Meinung, Inzucht
plus Selektion auf Gesundheit sei unschädlich, hat sich als schwerer
Irrtum erwiesen, denn multifaktorielle Erbkrankheiten und Defektgene
treten so im Gegensatz zu einfach rezessiven dadurch nicht ans
Tageslicht und werden im Gegenteil immer mehr angehäuft.
Als daher vor einigen Jahren ein Wissenschaftler in Holland
anregte, man solle doch nach dem Beispiel der Nutztierzucht auch beim
Hund Kreuzungen durchführen, erntete er empörte Kommentare. Inzwischen
aber sind die Rufe nach einer Trendwende in der Kynologie unüberhörbar
geworden, wenn man auch die Rassen ganz gewiss nicht aufgeben kann und
will. Man muss die Heterozygotie, soweit irgend möglich, züchterisch
eben innerhalb der Rassen erreichen! Von den etwa dreißigtausend Genen
des Haushundes beeinflussen wir bei der Zucht auf Formwert vielleicht
dreißig.
Liegen diese durch intensive Selektion und Linienzucht homozygot vor,
sehen die Zuchtprodukte einheitlich "rassetypisch" aus.
Allerdings haben wir dabei auch unvermeidlich viele andere Gene, die
damit nichts zu tun haben, auch in die homozygote Form gebracht, und
darunter befinden sich nun viele schädigende Allele, sei es solche von
Erbkrankheiten einfach rezessiver, vor allem aber polygener Natur (wie
z.B. HD) oder auch "nur" solche, die die Vitalität,
Fruchtbarkeit, das Wachstum, das Wesen, bei Gebrauchshunden die Leistung
und Widerstandsfähigkeit usw. beeinträchtigen.
Wie wir wissen, ist aber für ganze Rassen die "Inzucht ohne
Inzucht" (nach Prof. Schleger) praktisch noch verheerender, womit
die Verwendung zu weniger Deckrüden gemeint ist. Die sogenannte
"genetisch effektive Population" ist nämlich nie größer als
viermal die Zahl der Rüden, auch wenn diese noch so viele Hündinnen
decken (z.B. ein Rüde auf theoretisch unendlich viele Hündinnen -
effektive Population ist nur ca. 4!). Da nun Inzucht und - wie die
schwedischen Kynologen es nennen - die "Matadorzucht" (übermäßige
Verwendung weniger Champions in einer Rasse) bei den meisten unserer
Rassen seit langer Zeit ausgeübt wird, stieg der Inzuchtfaktor allmählich
immer mehr an. Der notwendige Grad an Heterozygotie (erbliche Vielfalt)
wird dadurch bereits vielfach unterschritten, Erbkrankeiten brachen -
und brechen - aus. Was kann man dagegen tun?
Nicht nur Symptome, die Ursachen bekämpfen!
Will man sich dem Trend, dass alle paar Jahre eine neue Erbkrankheit
auftaucht oder eine bisher bedeutungslose problematisch zu werden
beginnt, entgegenstellen, gilt es, verschiedene Maßnahmen zu ergreifen
und zwar:
1. Je nach Größe der Population einer
Rasse die maximale Zahle der
Würfe nach einem Rüden zu begrenzen,
also die Anzahl der verwendeten
Rüden zu maximieren. In Schweden schlägt
man je nach Größe der
Population eine Begrenzung von hundert
bis auf einen einzigen Wurf je
Rüden (auf Lebenszeit!) vor. Professor
Sundgren von der Universität
Uppsala empfiehlt die Begrenzung auf 5 %
der registrierten Welpen der
Rasse auf eine Fünf-Jahres-Periode.
2. Nur solche Partner zu paaren, die ein
Minimum an gemeinsamen Ahnen
im Stammbaum (im Idealfall: gar keine!)
aufweisen (in jeder Rasse
gibt es ohnehin in mehr oder weniger
weiter zurückliegenden
Generationen gemeinsame Ahnen) und keine
gröberen Nachteile
aufweisen. Bei mehreren etwa
gleichwertigen Möglichkeiten in bezug
auf Blutsfremdheit erst wählt man den
standardgemässeren Partner wie
bisher gehandhabt.
3. Wenn nötig, Haar- und Farbvarianten
einer Rasse wieder zu kreuzen.
4. Import von Rüden oder deren Samen aus
Gebieten, wo die Zucht sich
bereits länger verselbständigt hat und
damit blutsfremder geworden
ist (was aber nicht einfach sein kann, da
z.B. immer wieder bei
vielen englischen Rassen auf Importe aus
Großbritannien
zurückgegriffen wurde).
5. Ist eine Rasse sehr selten geworden
und ihre Erbgesundheit
alarmierend bedroht, wird man sich in
Zukunft weniger scheuen dürfen,
eine nahverwandte Rasse einzukreuzen
(derartiges ist z.B. mit
Holländischen und Belgischen Schäferhunden
versuchsweise geschehen,
wobei die Nachzucht sofort an Vitalität,
Fruchtbarkeit und auch z.B.
im Pflegeverhalten der Hündin gewann).
6. In bestimmten Fällen die Stammbücher
wieder öffnen, d.h. z.B.
stammbaumlose, aber im Exterieur
entsprechende Tiere unter bestimmten
Kriterien zu registrieren.
7. Gegen verschiedene Erbkrankheiten gibt
es heute bereits Gentests,
so dass man viele direkt durch Ausschluss
der Defektträger oder auch
Paarung derselben mit defektgenfreien
Hunden bekämpfen kann. Vielfach
wird letzteres vorzuziehen sein, da
manchmal schon die Hälfte oder
noch mehr der Hunde einer Rasse Defektträger
sind.
Die vordringlichsten Maßnahmen sind die unter 1,2 und 7 genannten. Wenn
der Fall nicht durch zu starkes Auftreten von Erbkrankheiten bei
einer Rasse mit sehr wenig Würfen schon kritisch ist, müsste es damit
allein gelingen - natürlich unter gleichzeitiger strenger Selektion - ,
die Widerstandsfähigkeit und Vitalität der Zuchtprodukte einer Rasse
zu normalisieren.
Während man in Schweden heute insbesondere die Anzahl der verwendeten
Zuchtrüden durch Bewilligung nur einer limitierten Zahl von erzeugten Würfen
je Vatertier erhöhen will, führt man in Holland populationsgenetische
Grundregeln in die Zuchtordnungen für jede Rasse ein. In Australien
wieder wird die möglichst blutsfremde Paarung propagiert. Es
besteht kaum ein Zweifel, dass - im Interesse der Zukunft unserer Hunde
- alle erwähnten Maßnahmen die züchterische Strategie der Zukunft
darstellen werden.
Bei - rechtzeitiger und konsequenter - Anwendung der geschilderten Maßnahmen,
die gewiss ein großes Maß an Umdenken bedeuten, würden jedoch - außer
in sehr kritischen Fällen - Erbgesundheitsprobleme wieder bedeutungslos
werden! Jetzt allerdings sieht es so aus, dass nach einer französischer
Erhebung 20 % aller Rassehunde erbliche Defekte aufweisen, eine
alarmierende Situation!
Der Rassehund ist heute nicht nur durch die verschiedenen Erbkrankheiten
bedroht, sondern auch durch die Inzuchtdepression, die die
Widerstandskraft, Fruchtbarkeit, Lebensdauer, Leistungsfähigkeit usw.
vermindert. Der Immungenkomplex MHC, der uns vor Tausenden verschiedenen
Krankheitserregern schützen kann, wird nicht nur in seiner Funktion
beeinträchtigt, sondern spielt auch in manchen Rassen zunehmend
"verrückt", d.h. es treten verstärkt Autoimmunkrankheiten
auf.
Im Artenschutz hat man heute Methoden entwickelt, um gefährdete
Tierarten vor dem Aussterben durch genetische Verarmung zu schützen.
Solche Methoden stünden nun auch der Hundezucht zur Verfügung. Man
kann einerseits mit
Computer berechnen, wie man die genetischen Anteile der ursprünglichen
Stammtiere einer Rasse erhält, oder jene Tiere ermitteln, die mit der
übrigen Population am wenigsten verwandt sind oder seltene genetische
Kombinationen aufweisen. Solche Individuen haben, wenn sie auch
anderweitig zuchttauglich sind, einen besonderen Wert für die Rasse.
Auch durch
DNA-Studien kann man wertvolle Hinweise erhalten.
Das also wäre der "Biohund": ein Rassehund, der unter
Beachtung der genannten Regeln erzüchtet wurde: Primär möglichst ohne
Ahnenverlust, als ohne Linien- und Inzestzucht und bei scharfer
Selektion auf Gesundheit, und
erst sekundärer Selektion auf Standardkonformität - wobei dieser
Standard keine anatomischen Anomalien mehr enthalten dürfte, die das
Wohlbefinden oder die Gesundheit beeinträchtigen, wo immer diese bisher
vorgeschrieben
waren. Natürlich werden dann diese Hunde auch naturgemäß ernährt und
aufgezogen.
Eine neue Epoche der Hundezucht?
Der Trend zur Wende hat also mehrere Ursachen:
Die besorgniserregende Zunahme von Erbkrankheiten.
Trend zu verschärften Gesundheitsgarantieleistungen der Züchter für
ihre Produkte
Der heute weitreichender aufgefasste Begriff der Tierquälerei, der
nun auch Zuchtmethoden betrifft, die das Wohlbefinden des
Zuchtproduktes beeinträchtigen. Schließlich wird der Boom neuer
Sportarten wie Agility, Fly Ball usw. den Bedarf an leistungsfähigen
Hunden auch bei Gesellschaftsrassen steigen lassen.
Natürlich kämen solche "Biohunde" dann ganz wesentlich
teurer als nach den bisherigen Regeln gezüchtete, und sie wären
vermutlich, am Standard gemessen, weniger "typvoll" und
einheitlich als ingezüchtete Schauhunde.
Ohne Linienzucht ist die "modische" Umzüchtung kurzfristig
kaum denkbar, aber das ist, kynologisch gesehen, kein Nachteil. Diese
Tiere wären ja gesünder, vitaler, leistungsfähiger und langlebiger, wären
also auch bezüglich Tierarzt- und "Wiederbeschaffungskosten"
"rentabler" und somit wertvoller. Auch sie würden natürlich
Defektgene beherbergen, aber in geringer Zahl, und je nach der
Ausgangslage doch soweit dominant "überdeckt", dass sie sich
nicht manifestieren könnten.
Es ist anzunehmen, dass dann viele potentielle Hundehalter, die heute
Mischlinge vorziehen, für solche Rassehunde "aus Qualitätsbiozucht"
Interesse hätten und dafür auch den entsprechend höheren Preis
bezahlen würden. Wenn dann einmal Heterozygotie eine Voraussetzung zur
Zulassung bei Ausstellungen wäre, dann bräuchte man für die Zukunft
des Rassehundes - in dieser Hinsicht jedenfalls - nicht mehr zu fürchten,
wenn also Hundezucht generell wie in alten Zeiten
"Biohundezucht" bedeuten würde.
Eine Hunderasse ist als eigenständiges Lebewesen zu betrachten, das
besonders durch zu kleine Populationen und zu wenige Zuchttiere,
besonders Rüden bedroht ist. Wer seinen Championrüden voll Stolz
unbegrenzt Hündinnen
decken lässt, schadet der Rasse, denn dessen unvermeidliche Defektgene
verbreiten sich und können so im schlimmsten Fall das erzeugen, was man
euphemistisch "Rassendispositionen" zu dieser oder jener
Krankheit nennt.
Daneben aber steigt im schlimmsten Fall der Inzuchtkoeffizient der
Rasse, da die Nachkommen alle mindestens Halbgeschwister sind.
Dieses Vorgehen aber ist unverantwortlich, denn eine Hunderasse ist ein
Gemeingut, das ein Züchter sozusagen treuhändig für seine Ziele benützt,
und möglichst in gleicher Qualität an die Nachwelt vermitteln müsste. |